_einblick: Keine Zauberlösung, Sondern eine Lebensaufgabe

Empowerment-Strategien als täglicher Umgang mit Diskriminierungserfahrungen

„Empowerment bedeutet die Freiheit als Selbst existieren zu können, ohne sich Handlungszwängen zu beugen, die von außen aufgrund sozialer Kategorien (wie »Rasse«, Klasse, Gender, Disability u.a.) an uns herangetragen werden und die uns in unserer Sozialisation prägen. Daher richtet sich Empowerment an Menschen, die durch diese Herrschaftsverhältnisse (Rassismus, Klassismus, Sexismus, Heteronormativität u.a.) unterdrückt werden“[1]  

In der sozialen Arbeit, der politischen Bildungs- und in der psychosozialen Arbeit begegnet uns der Begriff des Empowerment mittlerweile recht häufig. Dabei war er bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts der psychosozialen Praxis vorbehalten und etablierte sich erst durch die Schwarze US-amerikanische Bürgerrechts- sowie die Frauenbewegung als politisches, aktivistisches und theoretisches Konzept. In Deutschland wurde der Begriff Mitte der achtziger Jahre in Schwarzen und feministischen Zusammenhängen bekannt und wird seitdem sowohl als Strategie und Konzept, sowie als ein wesentliches Instrument politischer Selbstbestimmung verwendet.

Dabei ist es nicht immer eindeutig, was mit diesem Begriff gemeint ist und wer davon eigentlich angesprochen werden soll. „Empowerment“ kommt aus dem Englischen und bedeutet so viel wie „Selbstermächtigung“. Gemeint sind damit Strategien und Handlungskonzepte, die Menschen befähigen sollen, ihre eigenen Ressourcen zu Selbstermächtigung und Selbstbestimmung zu erkennen und praktisch anzuwenden. Die zugrunde liegende Idee ist, dass jede Person ihre individuellen Ressourcen und Potenziale hat, mit denen sie sich selbst und die Gesellschaft verändern kann.

Fremdbestimmungen identifizieren – und sich von ihnen befreien

Diese Definition verweist darauf, dass „Empowerment“ individuell ausgestaltet werden und dementsprechend unterschiedlich aussehen kann – nicht jedoch beliebig ist: zentral ist eine solidarische Haltung, um sich selbst und anderen Menschen Kraft zu geben, sich selbst und anderen den Rücken zu stärken und sich gegenseitig zu unterstützen. Ein weiteres wichtiges Element in diesem Konzept der Selbstbemächtigung, Selbstbefähigung und Autonomie ist es, Fremdbestimmungen zu identifizieren, um sich von diesen zu befreien: Als Schwarze Person wenig Zutrauen in die eigenen (beruflichen) Fähigkeiten zu haben, kann mit der Erfahrung jahrelanger rassistischer Mikroaggressionen zusammen hängen sowie mit der Internalisierung hegemonialer Bilder, in denen People of Color kaum als beruflich erfolgreich dargestellt werden.

Der Umgang mit diesen Erfahrungen sowie mit anderen diskriminierenden Situationen kann beispielsweise darin bestehen, das Gespräch mit Freund*innen und Vertrauten zu suchen, Wut zuzulassen oder auch in Form von Musik einen Ausdruck der eigenen Erfahrung zu finden.

Als sozial-politische Theorie und Praxis richtet sich das Konzept des „Empowerments“ an Menschen und Gruppen, die durch Herrschaftsverhältnisse wie beispielsweise Rassismus, Sexismus, Klassismus oder Antisemitismus ausgegrenzt und strukturell sowie institutionell diskriminiert werden. Mittels Empowerment-Konzepten und -Strategien sollen Menschen, die Diskriminierung erfahren, Kraft erhalten sowie ein Gefühl von Unterstützung und Solidarität erleben – nicht nur für den Umgang mit alltäglichen Formen von Diskriminierung, sondern auch für soziales und politisches Engagement um Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und Anerkennung.

Black Power-Bewegung: Neues politisches Bewusstsein für Betroffene von Rassismus

Die Schwarze US-amerikanische Bürgerrechtsbewegung ist beispielhaft dafür, denn sie konnte im Laufe der Jahre ein neues politisches Bewusstsein bei  Menschen etablieren, die Rassismus erleb(t)en. So konnten neue Formen der Organisierung im Umgang mit Unterdrückung und Machtverhältnissen entwickelt werden, um sich und gegen rassistische Ideologien und Lebensrealitäten zu wenden.

Auch wenn „Empowerment“ die und den Einzelne*n anspricht und ermächtigt, zielt das Konzept nicht auf individuelle Selbstverwirklichung ab, sondern vielmehr einerseits darauf, konkrete politische Forderungen gesellschaftlicher Gruppen zu artikulieren, die Diskriminierung erfahren sowie andererseits darauf, Handlungsstrategien gegen Diskriminierung zu erweitern und sich alleine oder im Kollektiv Kraft zu geben.

„Empowerment“ ist nicht nur Theorie, sondern vor allem alltägliche Praxis. „Empowerment“ ist keine Zauberlösung gegen Diskriminierung, sondern vielmehr eine Lebensaufgabe, die Menschen Perspektiven öffnet und ihre Handlungsmöglichkeiten vergrößert.

Angélica Reyes Reyes, Beraterin bei response 

 

[1] Natascha Nassir-Shahnian: Dekolonialisierung und Empowerment. In: Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.): Empowerment Dossier. Berlin: Selbstverlag 2013.