_einblick: Das geleugnete Trauma

22. Juni 2017

Rassismus macht krank – und zwar nicht nur dann, wenn er als gewalttätiger Übergriff auftritt. Auch die so genannten rassistischen Mikroaggressionen, die viele Menschen of Color täglich erleben, können traumatische Auswirkungen haben. Traumaforschung, Psychotherapeut*innen und Beratungsstellen müssen dafür sensibel sein.

Von Miriam Modalal, Psychologin und Beraterin bei response

Zahra ist Flugbegleiterin bei einer der größten europäischen Fluggesellschaften. Sie liebt ihren Job und  glaubte, auch im Umgang mit ihren Kolleg*innen routiniert zu sein, bis sie etwas erlebte, was sie aus der Bahn warf. In einem Gespräch mit response berichtet sie von einem rassistischen Vorfall, der sie besonders belastete:
Vor Flugbeginn wurde das Team vom Leiter der Schicht, dem Purser eingewiesen. Dieser fragte Zahra, woher sie komme. Unsicher, ob er ihre deutsche Herkunftsstadt meinte oder die Herkunftsländer ihrer Eltern, antworte Zahra mit letzterem. Der Purser fragte, ob er einen Witz über dieses Land erzählen dürfte, woraufhin Zahra ihn bat, es zu unterlassen. Er tat es dennoch, verwendete das N*Wort und lachte laut.

Alltägliche Kränkungen und Beleidigungen

Ereignisse wie dieses sind für Zahra und viele „Andere“ nichts Ungewöhnliches. Auch, wenn sie auf den ersten Blick nicht als Gewalt erkennbar sind, sind diese „rassistischen Mikroaggressionen“ für die Betroffenen schmerzhaft und können langwierige psychische Folgen haben.

Rassistische Mikroaggressionen treten als „kurze und tägliche Kränkungen, Beleidigungen, Demütigungen und verunglimpfende Nachrichten (…)“ in der zwischenmenschlichen, medialen und symbolischen Kommunikation auf (vgl. Derald Wing Sue, 2010). Verursacher*innen sind sich ihrer Handlungen häufig nicht bewusst und das Eingestehen kann einen Bruch im eigenen Selbstbild als „guter moralischer Mensch“ bedeuten.

Betroffene können ihre Verletzung daher kaum artikulieren, ohne befürchten zu müssen, als „übersensibel“ bezeichnet und nicht ernst genommen zu werden. Die rassistische Mikroaggression endet also nicht mit ihrer initialen, häufig nicht-bewussten abwertenden Botschaft, sondern geht über in eine zweite Gewaltform, die als „sekundäre Viktimisierung“ bezeichnet wird: sie zielt darauf ab, die Betroffenen zum Schweigen zu bringen.

Die Betroffenen werden zum Schweigen gebracht

Dieses Unsichtbarmachen der rassistischen Mikroaggressionen bewirkt bei den Betroffenen häufig, dass sie die psychische Belastung nicht genau benennen können, die sich in verminderten Arbeits- oder Schulleistungen, verminderter Qualität zwischenmenschlicher Beziehungen und Verminderung des Lebensstandards äußern können. Studien wie die von Carter (2007) zeigen, dass „race-based traumatic stress“ zu einer Traumatisierung führen kann und das Ausbilden einer Posttraumatischen Belastungsstörung befördert, sobald es zu einem bedrohlichen Ereignis kommt, welches das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen bringt: also zum Beispiel zu einem körperlichen Übergriff, rassistischem Mobbing oder Polizeigewalt.

Erwartungsgemäß ist die Hürde für Betroffene hoch, sich eine*r der mehrheitlich weißen Therapeut*innen anzuvertrauen, auch aufgrund eines starken Scham- und Schuldempfindens. Zudem sind herkömmliche therapeutische Herangehensweisen bisher noch nicht ausreichend für Betroffene von rassistischer Gewalt sensibilisiert. Diese Versorgungslücke gilt es durch alternative Strukturen unbedingt zu schließen.

Besonders dilemmatisch ist, dass sowohl die Verbalisierung des Unrechts den psychischen Druck erhöhen kann, wenn die Anerkennung der Leidenserfahrung nach der Tat verwehrt wird: Die Erfahrung, dass eine*r als Opfer nicht geglaubt wird, erschüttert das gerechte Weltverständnis der Betroffenen oft vollends. Ein offen rassistischer Angriff kann leichter verstanden, eingeordnet und verurteilt werden, als die Untat oder gar Abkehr durch das Umfeld, weil den Opfern nicht geglaubt wird. Die Alternative des Verschweigens und Verdrängens erhöht den psychischen Druck auf die Betroffenen jedoch langfristig ebenfalls.

Aufgabe der Beratung: Das Unsagbare sagbar machen

An dieser Stelle setzt die Arbeit aus der Community und der institutionalisierten Beratungsstellen an. Sie geben einen Raum, um das Unsagbare sagbar zu machen, sowie Strategien des Umgangs und Empowerments zu entwickeln. Jede*r Betroffene rassistischer Gewalt hat ihre individuelle biografische Erfahrung und bringt dementsprechend ein einzigartiges Repertoire an Ressourcen mit, das entdeckt und aktiviert werden muss. Die Traumaforschung zeigt auf, dass in Folge traumatischer Erlebnisse eine Selbststärkung entwickelt werden kann, die im Sinne eines „Posttraumatischen Wachstums“ über unsere vorher bewussten und aktivierten Handlungs- und Umgangsstrategien hinausgeht (vgl. Tedeschi & Calhoun, 1996).

Die Herausforderung für Anlauf- und Beratungsstellen bleibt: Die vielen Ebenen rassistischer Gewalt, die eingebettet sind in eine gesamte Biografie, müssen bei der Entwicklung von Beratungsangeboten mitgedacht werden. Auch wenn Beratungsstellen wie response in der Regel vorfallsbezogen arbeiten, müssen sie sensibel sein für die rassistischen Mikroaggressionen, die ein*e Beratungsnehmer*in erlebt hat.

Darüber hinaus mangelt es vor allem im deutschsprachigen Raum noch an wissenschaftlich fundierten Kenntnissen zu race-based trauma sowie der Anpassung von Diagnosekriterien und psychotherapeutischen Versorgungsstrukturen. Bei der Neu-Definition von Trauma sollte dabei vor allem eine Perspektive im Mittelpunkt stehen: die der Betroffenen.

Literatur

Carter, R. T. (2007). Racism and psychological and emotional Injury: Recognizing and assessing race-based traumatic stress. The Counseling Psychologist, 35(1), 13-105.

Sue, D. W. in Psychology Today (2010). Racial microaggressions in everyday life: Is subtle bias harmless?. Abgerufen am 21. Juni 2017, von https://www.psychologytoday.com/blog/microaggressions-in-everyday-life/201010/racial-microaggressions-in-everyday-life. 

Tedeschi, R. G., & Calhoun, L. G. (1996). The posttraumatic growth inventory: Measuring the positive legacy of trauma. Journal of Traumatic Stress 9(3), 455-471.

Williams, M. T. in Psychology Today (2013). Can racism cause PTSD? Implications for DSM-5: Racism itself may be a traumatic experience. Abgerufen am 21. Juni 2017, von https://www.psychologytoday.com/blog/culturally-speaking/201305/can-racism-cause-ptsd-implications-dsm-5.

Williams, M. T. in Psychology Today (2015). The link between racism and PTSD:  A psychologist explains race-based stress and trauma in Black Americans. Abgerufen am 21. Juni 2017, von https://www.psychologytoday.com/blog/culturally-speaking/201509/the-link-between-racism-and-ptsd.